Manchmal sind es auf einer Reise gar nicht die großen Landschaften, die einem besonders in Erinnerung bleiben.
Bei unserem Besuch der Plitvicer Seen in Kroatien waren natürlich Wasserfälle, türkisfarbene Seen und die beeindruckende Natur die eigentlichen Hauptdarsteller. Doch irgendwo entlang unseres Weges tauchte plötzlich ein ganz anderer kleiner Protagonist auf: ein Rotkehlchen.
Zunächst saß es eher unscheinbar am Boden. Zwischen Steinen, Ästen und Waldboden wäre es beinahe untergegangen – wäre da nicht diese unverwechselbare orangefarbene Brust gewesen.
Und natürlich war die Kamera dabei.
Erst einmal beobachten
Bei Tierfotografie versuche ich möglichst nicht sofort loszufotografieren, sondern zunächst zu beobachten.
Wie verhält sich das Tier?
Bleibt es an einem Ort?
Wie groß ist seine Fluchtdistanz?
Das Rotkehlchen machte es mir erstaunlich einfach. Immer wieder wechselte es seine Position, hüpfte über den Boden und setzte sich schließlich auf Steine und Äste.
Aus einer zufälligen Begegnung entstand innerhalb weniger Minuten eine kleine Fotoserie.

Der erste Blick: Noch klein und unscheinbar sitzt das Rotkehlchen am Wegesrand.
Schritt für Schritt näher
Je länger wir dort standen, desto mehr Möglichkeiten ergaben sich.
Natürlich bedeutet „näher“ in der Tierfotografie nicht zwangsläufig, dass man selbst näher an das Tier herangehen muss. Genau hier spielt ein Teleobjektiv seine große Stärke aus.
Mit meinem Canon RF 70–200 mm F2.8 konnte ich Abstand halten und trotzdem immer stärker auf das Rotkehlchen konzentrieren.

Ein kurzer Halt auf der Steinmauer – und plötzlich hebt sich die orangefarbene Brust wunderschön vom Hintergrund ab.
Besonders spannend finde ich bei solchen Situationen, wie stark sich ein Bild allein durch die Position des Vogels verändert.
Auf dem Boden dokumentiert man eher die natürliche Umgebung. Sitzt das Rotkehlchen dagegen erhöht auf einem Ast oder einer Mauer, entsteht sofort ein wesentlich ruhigeres Portrait.
Dann kam der perfekte Ast
Irgendwann setzte sich das Rotkehlchen auf einen trockenen Ast.
Fotografisch war das genau der Moment, auf den ich gehofft hatte.
Der Hintergrund lag weit genug entfernt, um durch die offene Blende sehr weich zu verschwimmen. Dadurch wurde das Rotkehlchen vollständig vom unruhigen Wald getrennt.

Für mich einer der schönsten Momente der Serie: Rotkehlchen, Ast und ein wunderbar weicher Hintergrund.
Genau solche Situationen zeigen für mich, warum ich das 70–200 mm f/2.8 so gerne einsetze.
Es ist eigentlich mein Arbeitstier für Sport- und Actionfotografie – funktioniert aber genauso hervorragend bei spontanen Tierbegegnungen.
Wenn aus einem Portrait plötzlich Action wird
Bei einem ruhenden Vogel kann sich die Situation innerhalb eines Sekundenbruchteils verändern.
Genau das passierte auch hier.
Das Rotkehlchen bewegte sich, öffnete seine Flügel – und plötzlich wurde aus einem klassischen Vogelportrait ein kleiner Actionmoment.

Flügel auf – und wenige Augenblicke später wäre dieser Moment bereits vorbei gewesen.
Bei der markierten Aufnahme in meiner Serie lagen die Einstellungen sogar bei:
Canon EOS R5 Mark II
200 mm
f/2.8
1/4000 s
ISO 10.000
Gerade die 1/4000 Sekunde zeigt schön, welchen Vorteil kurze Verschlusszeiten bei solchen Bewegungen haben. Selbst kleine Flügelbewegungen lassen sich damit einfrieren.
Und ISO 10.000?
Vor einigen Jahren hätte man bei solchen ISO-Werten vielleicht noch nervös auf das Display geschaut. Moderne Kameras wie die R5 Mark II liefern hier jedoch eine erstaunliche Ausgangsbasis – insbesondere wenn anschließend eine gute RAW-Entwicklung und Rauschreduzierung eingesetzt wird.
Das Portrait zum Abschluss
Zum Ende unserer kleinen Begegnung entstand schließlich noch ein deutlich engeres Portrait.

Hier übernimmt endgültig das Rotkehlchen die komplette Aufmerksamkeit.
Die charakteristische orangefarbene Brust, die kleinen dunklen Augen und der weiche Hintergrund – viel mehr braucht es manchmal gar nicht.
Rotkehlchen (Erithacus rubecula) erkennt man vor allem an ihrem orange-roten Gesicht und Brustbereich. Häufig suchen sie ihre Nahrung am Boden, setzen sich aber zwischendurch gerne erhöht auf Äste oder andere Aussichtspunkte.
Und genau dieses Verhalten konnten wir an diesem Tag wunderbar beobachten.
Acht Bilder statt eines einzigen
Normalerweise versucht man als Fotograf häufig, am Ende das eine perfekte Bild auszuwählen.
Bei dieser Serie möchte ich das bewusst anders machen.
Denn für mich erzählen die acht Aufnahmen gemeinsam viel mehr als ein einzelnes Foto:
vom ersten vorsichtigen Entdecken am Wegesrand über die verschiedenen Sitzpositionen bis zu dem kurzen Moment mit geöffneten Flügeln und schließlich dem Portrait.
Es war keine geplante Tierfotografie.
Keine vorbereitete Location.
Kein Ansitz.
Einfach nur eine Kamera, ein Teleobjektiv – und zur richtigen Zeit ein kleines Rotkehlchen am richtigen Ort.
Und vielleicht sind genau das manchmal die schönsten Fotomomente auf einer Reise.
Offizielle Website Nationalpark Plitvicer Seen
Für die Informationen zum Rotkehlchen eignet sich nachfolgender Link der NABU:
NABU – Rotkehlchen im Vogeltrainer
Mehr über unseren Tag zwischen Seen, Wasserfällen und Wanderwegen findest Du in meinem ausführlichen Bericht über die Plitvicer Seen.

