Wer auf der Insel Krk abseits der Strände unterwegs ist, begegnet ihnen beinahe überall: endlosen Mauern aus hellem Kalkstein, die sich über Hügel, Hänge und karge Weideflächen ziehen.
Auch auf unserer heutigen Wanderung rund um Baška sind uns diese Steinlinien immer wieder aufgefallen. Manche verlaufen schnurgerade durch die Landschaft, andere folgen den natürlichen Konturen der Hügel. Aus der Entfernung wirken sie fast wie mit einem Lineal in die Landschaft gezeichnet.
Irgendwann stellte sich zwangsläufig die Frage:
Wer hat all diese Mauern gebaut – und warum?

Gromače – Mauern ohne Mörtel
Die traditionellen Steinmauern werden auf Krk häufig als Gromače bezeichnet. Es handelt sich um sogenannte Trockensteinmauern.
Das Besondere daran: Die Steine wurden ohne Mörtel oder Zement aufeinandergesetzt. Stabilität entsteht allein durch die sorgfältige Auswahl und Anordnung der unterschiedlich großen Steine.
Eine Bauweise, die auf den ersten Blick einfach erscheint, in Wirklichkeit aber viel Erfahrung erforderte.
Denn viele dieser Mauern stehen nicht erst seit einigen Jahrzehnten. Sie sind das Ergebnis einer Kulturlandschaft, die über Generationen entstanden ist.

Wohin mit all den Steinen?
Wer die Landschaft rund um Baška betrachtet, versteht schnell, warum die Mauern überhaupt entstanden.
Der Untergrund ist extrem steinig. Überall tritt der helle Karstkalk hervor und nur vergleichsweise dünne Bodenschichten ermöglichen Landwirtschaft oder Weidewirtschaft.
Um Flächen nutzen zu können, mussten die Menschen zunächst die Steine entfernen.
Doch wohin damit?
Die pragmatische Lösung war ebenso einfach wie genial: Man verwendete die Steine direkt vor Ort und schichtete daraus Mauern.
So entstanden im Laufe der Zeit riesige Netzwerke aus Trockensteinmauern.
Aus einem Problem wurde Baumaterial.
Grenzen, Weiden und Schafe
Die Mauern erfüllten gleichzeitig mehrere Funktionen.
Sie grenzten Grundstücke voneinander ab, unterteilten Weideflächen und halfen dabei, Schafe innerhalb bestimmter Bereiche zu halten.
Gerade die Schafhaltung spielte auf Krk über Jahrhunderte eine wichtige Rolle.
Wenn man heute durch diese scheinbar menschenleere Landschaft wandert, erkennt man deshalb bei genauerem Hinsehen überall die Spuren früherer Nutzung.
Die Landschaft war keineswegs unberührt.
Sie wurde über Generationen von Bauern und Schäfern gestaltet.

Eine Landschaft wie ein riesiges Puzzle
Besonders eindrucksvoll wird das Ganze, wenn man einen erhöhten Standpunkt erreicht.
Dann erkennt man, wie die Mauern die Landschaft in unterschiedlich große Flächen aufteilen.
Von oben wirkt Krk stellenweise wie ein gigantisches Puzzle aus Stein.
Linien ziehen sich über Hügelkuppen, verschwinden in Senken und tauchen einige hundert Meter später wieder auf.
Und plötzlich betrachtet man diese karge Landschaft mit ganz anderen Augen.
Was zunächst wie zufällig herumliegende Steine aussieht, erzählt in Wirklichkeit von jahrhundertelanger Arbeit.

Die besonderen „Mrgari“ rund um Baška
Eine ganz besondere Form dieser Trockensteinarchitektur findet man ebenfalls in der Gegend um Baška.
Die sogenannten Mrgari sind große, aus Trockensteinmauern gebaute Anlagen, die traditionell für die Schafhaltung genutzt wurden.
Von oben betrachtet können einige dieser Anlagen beinahe wie große Steinblumen wirken. Mehrere kleinere Bereiche gruppieren sich dabei um einen zentralen Platz.
Dort konnten Schafe zusammengetrieben, sortiert und den jeweiligen Besitzern zugeordnet werden.
Falls wir auf unserer Wanderung noch eine solche Anlage entdecken oder fotografieren können, wäre das für diesen Beitrag natürlich ein besonderes Motiv.
Jahrhundertealtes Wissen – heute sogar Kulturerbe
Die Technik des Trockensteinbaus ist keineswegs nur eine kroatische Besonderheit.
2018 wurde die traditionelle Kunst des Trockensteinmauerbaus gemeinsam für mehrere europäische Länder – darunter auch Kroatien – von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt.
Das macht deutlich, welcher kulturelle Wert hinter diesen auf den ersten Blick unscheinbaren Mauern steckt.
Es geht nicht nur um Steine.
Es geht um Wissen, das über viele Generationen weitergegeben wurde.
Wenn eine Wanderung plötzlich Geschichte erzählt
Genau solche Entdeckungen mag ich beim Reisen und Wandern besonders.
Man läuft zunächst einfach durch eine beeindruckende Landschaft und fotografiert, was einem ins Auge fällt.
Dann beginnt man Fragen zu stellen.
Warum sieht die Landschaft so aus?
Wer hat sie geprägt?
Welche Geschichten stecken dahinter?
Und plötzlich wird aus einer einfachen Steinmauer ein Zeugnis davon, wie Menschen über Jahrhunderte mit einer schwierigen Landschaft gelebt haben.
Seit wir wissen, was hinter den vielen Mauern steckt, schauen wir jedenfalls anders auf sie.
Sie gehören genauso zu Krk wie das Meer, die Berge und die kleinen Buchten der Insel.
Vielleicht sind sie sogar eines der besten Beispiele dafür, dass eine Landschaft ihre Geschichte manchmal ganz ohne Worte erzählt.

Fotografische Notiz
Die Bilder zu diesem Beitrag entstanden während unserer Wanderung auf der Insel Krk mit einem Samsung S24 Ultra ohne weiterer Bearbeitung.
Gerade die Kombination aus dem hellen Kalkstein, der kargen Vegetation und dem häufig dramatischen Himmel macht diese Landschaft fotografisch interessant. Besonders aus etwas erhöhten Positionen werden die geometrischen Strukturen der Trockensteinmauern sichtbar.
Elsi-Foto – Reisen, Wandern & Fotografie
Die traditionelle Kunst des Trockensteinbaus wurde von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt
Weitere Informationen unter UNESCO Weltkulturerbe
Offizielle Tourismusseite der Stadt Krk

